Porträt eines älteren, glatzköpfigen schwulen Mannes mit Bart vor unscharfem Hintergrund eines Hauses, der die Realitäten des Altwerden als schwuler Mann verkörpert.

Wenn niemand mehr klingelt – Wolfgang, 65, über das Altwerden als schwuler Mann in Bremen

Er sagt es leise, fast beiläufig, und gerade deshalb brennt der Satz nach: „Wenn ich später mal tatterig im Heim bin, kommt von der Familie sicher niemand vorbei … so geht das mir dem Altwerden als schwuler Mann … Damit muss ich leben.“ Wolfgang schaut dabei nicht trotzig, nicht bitter. Eher wie jemand, der die Dinge klar benennt, weil sie sonst keiner sagt.

Wir sitzen am Nachmittag, nicht spät in der Nacht. Es ist der Zeitpunkt, an dem viele queere Angebote gar nicht erst beginnen. Und Wolfgang erzählt: von Szenejahren, Vereinsarbeit, von Paraden, an denen er mitgelaufen ist und von den Gesichtern, die fehlen. „Jemand, der sich einsam fühlt, wird unsichtbar.“ Er sagt das, als hätte er es zu oft beobachtet, um noch darüber zu staunen.

Unsichtbar werden ist kein Knall. Es ist leiser. Es beginnt damit, dass man einen Abend auslässt, dann zwei. Dass die Stammkneipe schließt. Dass man auf dem CSD am Rand steht und merkt, dass niemand merkt, dass man da ist. Und irgendwann bleibt man einfach zu Hause. Für queere Senior:innen kommt etwas dazu, wovon Heteros meist mehr haben: familiäre Routinen. „Den Sohn, die Tochter, die jeden Sonntag mal mit Kuchen mal ohne vorbeikommt — ich hab’ die nicht“, sagt Wolfgang und lächelt dünn, „Ich bin nur ein Onkel und die besucht man eher selten. Und in der Community gilt, die damals für Sichtbarkeit gekämpft haben, sind heute selbst unsichtbar.“

Er spricht von den Lücken, die HIV/Aids gerissen hat, von Freundeskreisen, die dünner geworden sind. Von Kneipen, die sich früher mal „wie ein schwules Wohnzimmer“ anfühlten — sie waren tröstlich, lebendig, wichtig und sind heute nicht mehr da. „Es gibt kaum bis keinen Ersatz für die schlichten Orte: 18 Uhr, ein Tisch, zwei Stühle, keine Erklärungspflicht.“

Wolfgang glaubt nicht an den großen „Generationenkonflikt“. „Wir haben keinen Konflikt. Uns fehlt die Kommunikation.“ Es klingt so einfach, und doch ist es schwer: Ältere ziehen sich zurück, weil sie sich nicht gemeint fühlen. Jüngere kennen queere Biografien oft nur aus Serien. Dazwischen: ein stilles Missverständnis. Dabei könnten beide Seiten etwas bekommen, was es nicht im Stream gibt: wirkliche Geschichten, echtes Lachen, den Satz „Das kenne ich“ zur richtigen Zeit.

Was passiert, wenn wir nicht handeln? Dann bleibt Wolfgangs Satz keine Warnung, sondern eine Gebrauchsanweisung. Türen bleiben zu. Die Hand, die man bräuchte, kommt einen Monat zu spät. Geschichte verliert ihre Erzähler:innen. Und der junge schwule Leser, der das hier liest und denkt, das sei noch weit weg: Es ist näher, als du glaubst. Aus 25 wird 35, aus 45 wird 65 — schneller, als man Umzugsboxen beschriftet. Was wir heute nicht aufbauen, findest du morgen nicht vor.

Können wir handeln? Ja. Sollten wir handeln? Unbedingt.

Handeln beginnt klein. Es braucht kein Konzeptpapier, sondern eine Kanne Kaffee. Einen Ort, der früh offen ist und nichts verlangt. „Fangt klein an“, sagt Wolfgang. „Einmal im Monat treffen, plaudern, fertig.“ Ein Stammtisch, der nicht fragt, ob man noch „mitten drin“ ist, sondern sagt: Du gehörst dazu. Ein Besuch, einmal im Monat, bei jemandem, der nicht mehr rauskommt — das Hallo, das länger wirkt als jede Pralinenschachtel. Ein Erzählabend, an dem ein Foto von 1979 und ein Selfie von 2023 nebeneinander liegen, und am Ende stellt man fest: Mut sieht in jedem Jahrzehnt anders aus und fühlt sich doch gleich an.

Bremen hat großartige Orte. Was fehlt, sind die einfachen. Die, die nicht erst um 22 Uhr beginnen. Die, in denen niemand erklären muss, warum er „allein“ sagt und „wir“ meint. Die, in denen queere Senior:innen nicht ein Extra sind, sondern die Mitte. Es ist nicht viel, was man dafür braucht: verlässliche Zeiten, barrierefreie Räume, kleine Wege, offene Ohren. Und die Bereitschaft, Ältere nicht als „Dankeschön der Geschichte“ zu behandeln, sondern als Gegenwart.

„Wenn ich später mal tatterig im Heim bin, kommt von der Familie sicher niemand vorbei … Damit muss ich leben.“ Wolfgangs Satz klingt nach, aber er ist kein Schlusspunkt. Er ist das Gegenteil. Denn „damit leben“ heißt nicht „damit abfinden“. Es heißt: Wir haben es in der Hand, ob die Klingel stumm bleibt — oder ob jemand die Jacke anzieht und losgeht.

In Bremen beginnt das gerade. Ein Tisch. Eine Einladung. Eine erste Stunde, früher am Abend. Komm, wenn du neugierig bist. Komm, wenn du denkst, du wärst zu alt. Komm, wenn du glaubst, du wärst zu jung. Komm, damit du in vierzig Jahren nicht sagen musst, dass niemand gekommen ist.

Die Geschichte wird traurig, wenn niemand handelt. Sie wird warm, wenn einer anfängt. Und manchmal reicht genau das. Eine Tasse. Zwei Stühle. Und jemand, der klingelt.

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Eine Antwort zu „Wenn niemand mehr klingelt – Wolfgang, 65, über das Altwerden als schwuler Mann in Bremen“

  1. Avatar von Football predictions
    Football predictions

    Haha, kein Knall, richtig! Man muss ja nicht vor die Tür fallen, um unsichtbar zu werden – das geht schleichend, wie Wolfgang sagt. Wer braucht schon Kuchenbesuche, wenn man eine Kanne Kaffee will? Vielleicht sollten die Jüngsten mal aus dem Stream schauen und die Älteren nicht als Dankeschön der Geschichte abtun. Einmal im Monat klingt ja doof einfach, aber vielleicht gehts los? Weniger Konzeptpapier, mehr Kaffee – wer hält mit?

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